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Online seit dem: 18.08.2008
in Tagen: 580
Das Bild
Seit
Wochen hatte er das Foto im Schaufenster des Ladens angestarrt. Das Mädchen sah genauso aus, wie die einzige Frau, die er jemals geliebt hatte. Sie waren lange ein Paar gewesen, bis sie dann auf einmal verschwand. Alle seine Nachforschungen waren ergebnislos geblieben. Niemand schien zu wissen, was mit ihr passiert war. Und jetzt sah er überraschend ihr Bild. Sie sah nicht ganz so aus wie damals, aber es waren ja auch einige Jahre vergangen. Im Geschäft wollte oder konnte man ihm keine Auskunft darüber geben, wer die Frau war. Er war sich sicher, dass er sie irgendwann wiedersehen würde, wenn er nur oft genug an dieser Stelle auf sie wartete.
Und dann, eines
Sonntags, sah er sie wirklich. Der Park war voll mit spielenden, lärmenden
Kindern und hektischen Eltern. Als er seine Geliebte in der Menschenmenge
erkannte, erstarrte er im ersten Moment, aber dann sprang er auf von der Bank
und versuchte, das angehimmelte Wesen irgendwie zu erreichen. Sie war zu weit
entfernt von ihm und verschwand plötzlich in einer Allee. Als er die Allee
erreichte, war sie nirgends zu sehen. Die Menge hinter ihm war immer noch sehr
laut und seine Rufe nach der Geliebten wurden vom Lärm verschluckt. Er rannte
die Allee hinunter, und hoffte, daβ sie vielleicht mit ihm spielte und sich hinter irgendeinem Baum versteckt
hatte, und ganz plötzlich vor ihm stehen würde.
Während er so schnell er konnte, die Allee entlang lief und nach ihr rief, sah er gleichzeitig nach links und rechts, um sie auch wirklich nicht zu verpassen. Er sah daher die Mauer nicht, die die Allee abschloss und als er mit voller Wucht gegen sie prallte, fiel er bewuβtlos zu
Boden.
Als
er zu sich kam, starrte er in ein grelles Licht. Er brauchte einige Momente, um
zu begreifen, daβ er sich nicht mehr in der Allee befand.
„Wo
bin ich?“ fragte er.
„Sie
sind im Krankenhaus,“ antwortete eine Stimme. Sie hörte sich an, wie die einer
Frau, aber nicht so, wie er sich die Stimme seiner Geliebten vorstellte.
„Wo?“
fragte er.
„Im
Hospital San Pablo, in Barcelona,“ sagte die Stimme.
“Was
ist passiert,” fragte er, “wohin ist sie gegangen?”
„Wen
meinen Sie?“ fragte die Stimme, „Hier steht nichts über jemanden, der mit Ihnen
zusammen war.“
David
machte groβe Anstrengungen, um seine Augen in die Gewalt zu bekommen und zu
sehen, wo er war. Als er versuchte, sich aufzusetzen, drückten ihn Hände zurück
nach unten.
„Halt,
junger Mann,“ sagte die Stimme, „Sie waren bewuβtlos und wir möchten, daβ Sie
noch ein wenig länger ganz ruhig liegenbleiben.“
Jetzt
sah er das Gesicht, das zu der Stimme gehörte. Die junge Frau sah ein wenig wie
seine Geliebte aus, aber ihr Haar war blonder und sie trug einen weiβen Kittel
mit einem Stift in der vorderen Tasche. Auβerdem hatte sie eine schwarz umrandete Brille auf. Zu den Personen in Grün die um
sie herumstanden, sprach sie mit Authorität in der Stimme, also nahm David an,
daβ diese Frau eine Ärztin war.
Erst nach einigen Tagen durfte er das Krankenhaus verlassen. Mit auf den Weg bekam
er eine lange Liste mit Anweisungen, wie er sich zu pflegen hatte und er hatte
versprechen müssen, daβ er sofort zurückkommen würde, sollte ihm schwindlig
werden.
Vor
dem Krankenhaus nahm er ein Taxi zum Park. Es war noch nicht spät, trotzdem sah
er dort nur wenige Leute. Er wunderte sich ein wenig darüber, aber dann fiel
ihm ein, daβ es ja ein ganz normaler Werkstag war und die Kinder
sicherlich schon längst zuhause waren.
Er
saβ auf der Bank und wartete auf seine Geliebte.
Als
es ganz dunkel geworden war und der Mond schien, erfaβte ihn Panik.
Noch mit etwas wackeligen Beinen ging er zu dem Fotogeschäft, um wenigstens wieder ihr Bild
zu sehen. Aber das Geschäft war bereits geschlossen und das Foto hatten sie aus
dem Schaufenster genommen.
Während der nächsten drei Monate ging David jeden Abend in den Park. Aber seine Geliebte kam nie
zurück. Als seine Firma ihm mitteilte, daβ seine Zeit in Barcelona abgelaufen
wäre und er nach Bilbao versetzt werden sollte, weinte er am Telefon. Seine
Chefs beurlaubten ihn, damit er wieder Kontrolle über sein Leben bekam, aber
das schaffte er nicht.
Das
Blumengeschäft neben dem Fotoladen hatte Mitleid mit ihm und jetzt verkauft er
Blumen an die Touristen. Aber am Tag der Toten, ‚el dia de los muertos’, also
an jenem Tag, an dem er sie damals im Park gesehen hatte, arbeitet er nicht.
An
diesem Tag kann man David auf einer Bank im Park sehen, wo er seine Geliebte
küβt, ihr sagt, wie sehr er sie liebt und sie fest umarmt.
Einmal im Jahr...
(eine etwas ‚andere’ Weihnachtsgeschichte)
Die frischgewaschenen Vorhänge waren genauso weiβ wie der Schnee
drauβen. Die Kerzen, die sie überall im Zimmer aufgestellt hatte, warfen Schatten,
die über die Wände des Wohnzimmers huschten und ab und zu über das
leuchtendweiβe Tischtuch eilten.
Sie rückte noch einmal die Teller ein paar Zentimeter weiter nach
rechts oder links, machte dann einen Schritt zurück und bewunderte den weihnachtlich
gedeckten Tisch.
Mit einem kleinen Seufzer zog sie den Stuhl zurück und setzte
sich. Sie hob ihr Glas und trank einen groβen Schluck des leuchtend roten
Weines. Sie sah auf ihre Uhr. Kurz nach acht Uhr abends. Sie hörte nicht auf zu
hoffen, denn die Hoffnung verlieβ sie nie, aber sie war ein wenig enttäuscht,
daβ er immer noch nicht da war. Ein fast unhörbares Rascheln riβ sie aus ihren
Gedanken. Ihr Herz machte einen groβen Sprung.
„Du kommst spät,“ sagte sie lächelnd.
„Du weiβt doch, wie leicht ich die Zeit vergesse.“ Er kam durch
das Zimmer und umarmte sie, als sie aufstand. Sie sank in seine Arme und vergaβ
Zeit und Raum. Als sie einen Schritt zurücktrat, um ihn von oben bis unten
anzusehen, öffnete sich ihr Mund erstaunt.
„Was ist das denn, Peter,“ sagte sie. „Kann es sein, daβ dort über
deinen Ohren graue Haare zu sehen sind?“
„Sie haben vollkommen recht, gnädige Frau,“ meinte er mit einem
kleinen Grinsen. „Ich hoffte, daβ du mich umso interessanter finden würdest, je
älter ich werde.“
Ihre Augenbrauen hoben sich. „Aber du weiβt doch, daβ du das nicht
nötig hast.“
„Eva,“ sagte er leise und irgendwie schien seine Stimme im Zimmer
zu schweben, wie eine kleine verhaltene Melodie. „Als ich sagte, daβ ich mit
dir alt werden möchte, habe ich es auch so gemeint.“
Sie versuchte krampfhaft, die Tränen zurückzuhalten, als sie sich
ihm gegenüber an den Tisch setzte.
Sie aβ nur wenig, sie muβte ihm viel zu viel erzählen über all
das, was sich während des letzten Jahres ereignet hatte. Das Kerzenlicht
flackerte über sein Gesicht und spiegelte sich in seinen Augen, die ihr Bild in
sich hineintranken. Er aβ nichts, sondern saβ einfach nur ihr gegenüber und
genoβ ihre Stimme.
“Natürlich..“ sagte sie nach einem Schluck Wein, „natürlich war es die ganze
Zeit vollkommen trostlos ohne dich....“ Er hörte die Traurigkeit in ihrer
Stimme und sah, wie sich ihre Augen verschleierten.
„Eva,“ sagte er leise, „Meinst du nicht, dass es langsam Zeit
wird, daβ du dich auf die Suche nach einem neuen Mann machen solltest? Jemandem,
der dir Gesellschaft leistet, jemandem der dich wieder glücklich macht?“
„Du machst mich doch glücklich.“
„Du weiβt schon, was ich meine...“
Sie sah hinunter auf ihren Teller, während ihre Finger die
Serviette immer und immer wieder neu falteten. „Niemand kann mich so glücklich
machen, wie du, Peter.“
„Aber du bist doch noch jung und ...“
„Ich bin 56.“
„Das ist jung.“
„Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt, allein zu sein,“ sagte
sie mit sanfter aber doch fester Stimme, die keinen Zweifel daran lieβ, daβ sie
nicht länger über dieses Thema reden wollte. „Niemand kann mich die glücklichen
achtzehn Jahre mit dir vergessen lassen. Niemand!“
Sie sagte nicht ganz die Wahrheit, denn ab und zu sehnte sie sich
doch nach Liebe und Zärtlichkeit. Sie hatte auch schon ein paar Männer
getroffen, die sie durchaus nett und attraktiv gefunden hatte. Aber Eva Schulz hatte
sich inzwischen ihr neues Leben so aufgebaut, daβ sie im Grunde mit sich selbst
genug hatte. Sie wuβte genau, daβ sie dieses Leben für alle Zeit genauso
weiterleben wollte.
Beide standen zur gleichen Zeit auf. Nach so vielen Jahren zusammen, brauchten
sie oft keine Worte, um zur gleichen Zeit dasselbe zu tun und zu wollen. Immer
noch. Er kam zu ihr und umarmte sie ganz fest.
„Eigentlich bin ich froh..“ sagte er ganz leise in ihr Ohr. „Ich
möchte das hier nicht vermissen.“
Sie seufzte wohlig, als seine Lippen über die zarte Haut hinter
ihrem Ohr glitten. Während ihrer langen Ehe waren seine Zärtlichkeiten zwar
auch wunderbar gewesen, aber es hatte sich nie so wie jetzt angefühlt. Damals
hatte sie nie dieses seltsame Gefühl gehabt, daβ er durch sie glitt, wie ein
leichter Windhauch, dieses unwirkliche Gefühl seiner Hände auf ihrer Haut, wenn
sie sie streichelten. So wie sie es
letztes Jahr zu Weihnachten getan hatten und die sechs Jahre davor.
Sie half ihm, ihre Bluse und den Rock auszuziehen und lieβ alles auf den Boden
fallen.
„Als ich noch hier lebte, warst du nicht so unordentlich,“ neckte
er sie und sah theatralisch streng auf die Kleidung zu ihren Füβen.
„Jetzt nehme ich mir eben die Freiheit,“ antwortete sie und atmete
schwerer, als seine Hände über ihren nackten Rücken glitten.
Sie hörte seinen fast lautlosen bewundernden Ausruf, als sie ganz nackt war.
“Gehen wir?“ fragte sie, und stieg die Treppe hinauf.
Sie wuβte, daβ seine Augen über ihren Körper glitten, während er
ihr folgte. Im Schlafzimmer umgab sie nur Dunkelheit, als sie sich auf das Bett
legte und auf ihn wartete.
Sie wuβte, daβ sie sein Begehren nicht so fühlen würde, wie
damals, während ihrer Ehe. Sie wuβte, daβ diese Hände,
die jetzt ihre Haut streichelten, irreal waren, nur wie ein Hauch zu spüren. Sie
schloβ die Augen ganz fest und sah ihn vor sich, so wie er damals gewesen
war. Sie meinte, die Wärme seines
Körpers zu spüren und gab sich ihm hin. Sie spürte ihn überall zur gleichen
Zeit. Er berührte jeden auch noch so kleinsten Winkel ihres Seins und hob sie
auf in Gefilde, die nicht von dieser Welt zu sein schienen. Sie schrie seinen
Namen in die Dunkelheit.
“Ich liebe dich, Eva,“ sagte er leise.
„Ich weiβ.“
Genauso lautlos wie er gekommen war, verschwand er auch wieder. Eva
wuβte, daβ er erst nächstes Jahr zu Weihnachten zurückkommen würde. Damit muβte
sie sich abfinden.
Wie immer am ersten Weihnachtstag ging sie am nächsten Morgen zum
Friedhof. In der Hand trug sie einen kleinen Strauβ Vergiβmeinnicht – seine
Lieblingsblumen. Die legte sie auf den Grabstein von Peter Schulz, ihrem
geliebten Mann, der vor sieben Jahren an Krebs gestorben war.

GANZ TOLL!!!Wünsche Dir einen schönen Abend






